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Die kleinen Menschen von Desarcs
Autorin Noemi Lerch / Ansagerin FdA 2009

Vor langer langer Zeit gab es hinter den ersten Hügeln der Lägern ein kleines Dorf. Die Bewohner waren ganz gemütliche Menschen, von recht kleiner und feiner Statur. Sie ernährten sich von  Beeren und Früchten, die sie im Wald zusammen sammelten. Sie hatten lange Haare, die ihnen bis zum Boden reichten, kleine Füsschen und Händchen und runde, rote Nasen. Abends, wenn die kalten Winde von den Felsen hinunter ins Tal jagten, hockten sie in ihren Höhlen an den Feuer,  brannten nasenrote Beerensäfte und grillten Grillen und andere Insekten. Die hell erleuchteten Erdlöcher konnte man schon aus weiter Ferne sehen, wie kleine Laternen standen sie oberhalb des Dorfes Ehrendingen. Die Ehrendinger und die kleinen Menschen von des Arcs wussten nicht viel voneinander. Die Erwachsenen Ehrendinger erzählten ihren Kindern abends Geschichten über die kleinen Menschen aus dem Wald, worin ihnen bei Nacht sogar Flügel wuchsen und sie über den Gärten der Dorfes kreisten, um alles einzusacken, was die Ehrendinger Kinder nach dem Spielen nicht weggeräumt hatten. Einige der Ehrendinger glaubten auch, dass die kleinen Menschen gar nicht wirklich existierten, dass sie nur eine optische Täuschung wären, eine Spiegelung der Morgensonne in den taunassen Wiesen und Blättern. Die kleinen Menschen ihrerseits erzählten ihren Kindern abends dass die Menschen aus dem Dorf unter ihren Kleidern, Hüten und Masken eine schneeweisse Haut hätten und ganz nackt wären. Auch auf den Zehen und am Bauch würden ihnen keine Haare wachsen. Und die Kinder der kleinen Menschen lachten laut, bei der Vorstellung der weissen, haarlosen Menschen.

Einmal im Jahr, am Tag des längsten Sonnenstrahls, machten die kleinen Menschen ein Fest. An jenem Tag schien die Sonne nämlich eine Stunde länger, leuchtete in dieser Zeit schon durch den Mantel der Nacht, und liess goldene Schatten auf die Wiesen hinter den Höhlenbögen fallen. Die kleinen Menschen pflegten sich am Abend in die Gräser zu legen um um sich mich dem Licht des längsten Sonnenstrahls, der auch goldig war, aufzutanken. Wenn das letzte Licht aber hinter den Hügeln der Lägern abgesunken war, holten sie ihre Instrumente hervor, sangen und tanzten, oft bis in die Morgenstunden hinein. Tanzten auch dann noch weiter, wenn es wieder hell und warm geworden war, tanzten weiter, bis sie vor Müdigkeit umfielen und an der selben Stelle einschlafen konnten. Gegen Abend, wenn sie aus ihrem Rausch wieder aufwachten, füllten sie die Töpfe mit den allerbesten Vorräten, die sie in ihrer Höhle finden konnten und schmausten und tranken die ganze Nacht hindurch. Am  dritten Tag, da schliefen sie an den Feuern, die in der Höhle brannten, oder draussen, bei den Felsen, wo die Wärme der Sonne in warmen Wellen über die Steine fiel.

Eines Tages aber waren die kleinen Menschen verschwunden. Die Ehrendinger sahen, dass Nachts der Wald dunkel blieb. Ein paar Kinder konnten es nicht lassen und stiegen an einem freien Mittwoch Nachmittag mit Rucksäcken und Taschenlampen zu den Höhlen hinauf. Den Eltern erzählten sie natürlich nichts von ihrer Mission. Sie hofften nämlich, in den Höhlen all ihre Spielsachen wieder zu finden, die sie in den letzten Jahren verloren hatten und welche die kleinen Menschen mit Sicherheit in ihren Höhlen versteckt hatten. Mit klopfenden Herzen kletterten sie in die Höhlen hinunter, leuchteten in jeden Winkel und in jedes Loch, bis sie neben der alten Feuerstelle ein Stück Papier entdeckten. Und daneben noch ein eins, und noch eins und noch eins. Wege und Strassen waren darauf eingezeichnet, Städte und Berge. Die Kinder nahmen an, dass die kleinen Menschen wohl nach Afrika gereist waren, um ihre Spielsachen dort für teures Geld zu verkaufen.

Doch sie lagen falsch. Die kleinen Menschen hatten ihre roten Nasen voll gehabt, von den Tälern und Wäldern des Aargaus. Sie hatten ihre Töpfe und Taschen gepackt und waren in die Berge gereist, um dort auf den Gipfel und Dächer der Schweiz den ganzen Tag in der Sonne zu liegen. Manche glaubten sogar, in den fernen Fernen, unter blaugrauem Nebeldunst, das Meer gesehen zu haben, und vielleicht sogar das Ende der Welt, dort wie die Meere in grossen Wasserfällen ins Weltall hinunter stürzten.

Über die Jahre hinweg wurde aus dem Trupp der kleinen Menschen ein kleines Volk der Vagabunden und Gipfelbummler. Sie lebten zusammen mit den Murmeltieren, in den Höhlen und Gängen der Schweizer Alpen. Oder bauten sich kleine Hüttchen, die so klein waren, dass die Menschen von heute kaum aufrecht darin stehen könnten. Einmal im Jahr kehrten sie aber zurück, zu dem Ort und dem Tag mit dem längsten Sonnenstrahl, und feierten drei Tage lang.

Auch heute sind wieder ganz viele da; Städtler und Dörfler, Kleine und Grosse, Junge und Graue von nah und fern.  Man sieht sie schon über die Hügel steigen, Heimatlose  und Einheimische, mit Herzen und Taschen, die zu füllen sind. Die Bässe haben sie aus aller Welt zusammen gerufen, sie reisen zu Fuss und mit wenig Gepäck. Bei den Höhlen angekommen, fallen sie sich in die Arme und dann in die Wiesen, liegen und tanzen da, drei Tage und Nächte lang, trinken und essen, schmausen und schmusen, nur vom Besten. Sie feiern den hunderjährigen Geburtstag aller und den zehnten dieses Festivals. Schön ist es, dass es auch dieses Jahr wieder und zum zehnten Mal ein Festival des Arcs gibt, schön auch, dass es ebenfall wieder die Menschen dazu hat, dankeschön an alle die seit zehn Jahren dafür arbeiten und sich engagieren, es ist wiedereinmal wunderschön schön geworden!!!